top of page

60 Minuten Reportage (Teil 5): Der rote Schrank von Neustadt am Rübenberge

Aktualisiert: 1. Juni

Ein offener Bücherschrank ist wie ein Seismograph für das Leben in einer Stadt. Manchmal verschwindet er, manchmal zieht er um. Für den fünften Teil meiner Reportage-Reihe über die öffentlichen Bücherschränke in der Region Hannover habe ich mir den Bücherschrank in Neustadt am Rübenberge ausgesucht. Diesmal war ich ausschließlich mit der Canon 5D Mark III und einem 40mm Pancake-Objektiv / Blende 2.8 von Canon unterwegs.


Hier steht ein roter Schrank im historischen Herzen der Stadt, eingebettet in den Raum zwischen der Liebfrauenkirche und dem Storchenhaus. Doch sein Dasein ist keine Selbstverständlichkeit: Erst im Spätherbst letzten Jahres kehrte er nach einer fast zweijährigen Zwangspause aus dem „Exil“ zurück. In erster Lienie hatten Brandschutzauflagen am alten Standort ihn vertrieben. Dass er heute wieder dort steht, ist dem Einsatz der ehrenamtlichen „Freunde des Bücherschranks“ zu verdanken, die ihn in mühsamer Eigenarbeit zerlegt, abgeschliffen und wetterfest saniert haben. Da die Stadt aber keinen Platz fand, sprang kurzerhand der Kirchenvorstand ein und stellte das kirchliche Grundstück zur Verfügung.


Während ich auf die Reparatur meines Smartphones warte, habe ich mir sechzig Minuten für das Leben rund um diesen Bücherschrank genommen.


Wer mich beim Fotografieren beobachtet, mag sich im ersten Moment wundern. Ich fokussiere oft nicht auf das Innere des Schranks oder die Buchrücken, sondern nutze die Plexiglasscheiben als visuelle Brücke. Damit wird das Material wird zur Projektionsfläche: Auf der glatten Oberfläche spiegeln sich das historische Fachwerk oder die vorbeiziehenden Passanten.

Durch dieses Spiel mit der Reflexion tritt der Bücherschrank im Sucher der Kamera leicht in den Hintergrund. Er wird eins mit seiner Umgebung, verschmilzt förmlich mit dem Alltag der Stadt und fängt das Leben vor Ort in Schichten ein. Es ist ein faszinierendes Wechselspiel aus den Welten, die hinter den Scheiben in den Büchern warten, und den Geschichten, die sich im selben Moment davor auf dem Pflaster abspielen.


Von Pastoren, Hunden und der unsichtbaren Ordnung

Es dauerte nicht lange, bis man die Dynamik dieses Ortes auch abseits der Kamera begreift. Der Bücherschrank zieht Menschen an wie ein Magnet. Während ich das Treiben beobachtete (insgesamt kamen in dieser Stunde acht Personen) und versuchte, die flüchtigen Momente des Stöberns im Bild festzuhalten, komme ich ins Gespräch.


Ich treffe den neuen Pastor der Gemeinde, Burnhard Julius. Er ist nicht allein: An seiner Leine zerrt Retriever Hugo, der das Geschehen rund um den roten Schrank mit stürmischer Neugier angehet und gerne jeden Passanten oder umliegende Büromitarbeiter begrüßt. Für den Pastor ist der Schrank sichtlich mehr als nur ein Möbelstück – er ist ein Beobachtungsposten des menschlichen Miteinanders. Er erzählt mir von den kleinen Geschichten, die sich hier täglich abspielen, und lenkt meinen Blick auf die unsichtbaren Heldinnen des Alltags.


Denn so ein Schrank organisiert sich nicht von selbst. Pastor Julius berichtet von einer engagierten Frau, die eine Art Patenschaft für den Schrank übernommen hat. Regelmäßig kommt sie – manchmal sogar extra mit dem Auto –, um nach dem Rechten zu sehen. Sie ist es, die die Bücher sortiert, zerfledderte Exemplare aussortiert und liebevoll genau jene Plexiglasscheiben putzt, die ich gerade für meine Fotos nutze. Erst durch ihre Arbeit wird der Schrank zu dem, was er ist: ein einladendes, sauberes Schaufenster der Literatur, das den Blick – und die Spiegelung – erst richtig freigibt. Diese hat beim Pastor sogar eine zusätzliche Lesebank beim Bücherschrank eingefordert.


60 Minuten zwischen den Seiten

Als mein gedanklicher Timer nach einer Stunde abläuft, habe ich nicht nur Bilder von Menschen im Kasten, die mit den Fingern über Buchrücken streifen oder tief versunken in Klappentexten lesen. Ich nehme vor allem das Gefühl mit, dass dieser Schrank in Neustadt genau das erfüllt, was seine Retter sich erhofft haben: Er stiftet Identität. Er bringt den Pastor, mich den Fotografen, die fleißige Schrankpflegerin oder die Leser zusammen.


P.S. Das Buch, das ich an diesem Tag im Bücherschrank fand: Nicolas Sparks, Wie ein einziger Tag, München 1999.

 
 

© 2026 Wilhelm Heim. Erstellt mit with Wix.com.

bottom of page