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Das Leben als Atelier

... so lautet das erste Kapitel in Frank Berzbachs Anregung zur Achtsamkeit: Die Kunst ein kreatives Leben zu führen. Ich habe schon mehrfach zu diesem Buch gegriffen und immer mal wieder ein paar Seiten gelesen und darüber sinniert.

Und auch heute hatte ich es in den Händen und allein diese Kapitelüberschrift hat mir geholfen, die letzten Monate zu verstehen und für den Moment zu verarbeiten. Seit meinem Kettensägenvorfall fühle ich mich in meinem Denken und Handeln sehr stabil und kann alten Denkmustern mit einer angemessenen Realitätsperspektive gut begegnen.

Mir ist mit der Veröffentlichung meines ersten Zines "Grautöne mit lyrischem Duft" (Auflage 300 Exemplare) bewusst geworden, dass mein Leben eine kreative Seite braucht. Diese kreative Seite hilft mir meine Gefühle zu finden, sie zu benennen und auch zu verarbeiten: Denn wohin soll meine Grundwut, wenn ich sie nicht direkt loswerden kann? Wohin soll meine Freude, wenn ich denke, dass ich es nicht wert bin, sie zu haben? Dieses Zine steht als Symbol für die letzten Monate - für mein Selbstwertgefühl und auch dafür dass ich Hilfe annehmen kann, wenn ich Hilfe benötige. Ohne meine Frau gäbe es dieses Zine nämlich nicht.

Gestern ist mir aber auch wieder bewusst geworden: Ich darf den Moment genießen und glücklich sein, dieses Glück ist aber fragil und wenn ich nicht aufpasse, kommen die alten Muster sofort um die Ecke. Nach einen kleinen Scharmützel zwischen zwei von unseren Hunden hat es mich nämlich kalt erwischt. Das Scharmützel hatte keinerlei Folgen, aber ich möchte die Folgen des Triggers kurz aufzählen: Angst, dass Hobbes etwas Schlimmes passiert sein könnte; ich darf heute nicht mehr ins Fitnessstudio fahren, zu Hause ist zu viel Arbeit; ich muss die Unterrichtsvorbereitung machen, sonst versacke ich in meinem Selbstmitleid; ich muss die Kaminöfen sauber machen; ich muss Maren ALLES abnehmen; ich darf heute nicht mehr fotografieren fahren (lange geplant als Selbstfürsorge) ... ich bin das doch nicht wert!

Gelernt habe ich: Realitätscheck durchführen; unter großen Anstrengungen bin ich ins Fitnessstudio gefahren (was gut getan hat); ich habe sehr zielorientiert die Unterrichtsvorbereitung gemacht; mich mittags auch um alle Hunde gekümmert und bin mit schlechtem Gewissen nach Neustadt gefahren, um Fotos zu machen. Letzteres ist mir schwer gefallen: Das Leben ist doch kein Fotoatelier, wo man einfach zum Spaß fotografieren fährt! Meine düsteren Gedanken haben mich ganz schön ausgebremst. "Wer sich schuldig fühlt, auch wenn er nichts böses getan hat, wird sich nicht mehr bewegen.", schreibt Frank Berzbach auf Seite 19. Ich möchte mich aber bewegen! Ich möchte mein Leben gestalten! Ich allein will diese Macht haben, nicht die Depression! Und am Ende meines etwas erzwungenen Fotowalks habe ich ein paar ansehnliche Fotografien zum Thema "Schaufenstergesichter" gemacht. Eine Idee, die mir durch den Frankfurter Streetfotografen Stefan Lauterbach gekommen ist, der eine tolle Serie im Streetfotografiezine von Philipp Meiners hat.

Über etwas anderes habe ich mich gestern Abend noch sehr gefreut. Wir wollen zu Hause eine Fotowand machen und meine Frau hat gestern begonnen, unsere Fotos der letzten Jahre durchzuschauen. Es gibt großartige Fotografien! Und es lohnt sich, einen Blick in alte Fotoordner zu werfen - das Leben ist ein Atelier.

 
 
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