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Das Leben der Bücherschränke (Teil 2: Jahnplatz Hannover)

Als ich vor einer halben Woche den Bücherschrank in Bissendorf aufgesucht und eine sechzig Minutenreportage daraus gemacht hatte, ahnte ich noch nicht, dass aus diesem beinahe tempelartigen Kunst- und Kulturobjekt für mich ein längerfristiges Fotografieprojekt werden würde.


Die Frau mit der dunkelblauen Jeans und dem leicht verblassten rosafarbenen Pullover war ganz in die Büchersuche vertieft. Sie schien mich nicht zu bemerken. So konnte ich sie ungehindert fotografieren. Der Pullover trug ein bemerkenswertes und unvergessliches Motiv: Ein eulenartiges Fischmonster!

In den sechzig Minuten am offenen Bücherschrank auf dem Jahnplatz in Hannover suchten vier Personen den Schrank auf. Mit zweien bin ich sogar ins Gespräch gekommen.

Ein Design-Bücher-Turm steht am Jahnplatz nicht. Stattdessen handelt es sich um einen dieser unscheinbaren Schränke mit verkratztem Plexiglas: einen Standardschrank, wie ihn der Werkstatt-Treff in Hannover anfertigt. Er besteht aus wasserfestem Sperrholz, ist zwei Meter hoch, einen Meter breit und 60 Zentimeter tief. Er ist von beiden Seiten zugänglich.

Für mich ist der Schrank fotografisch besonders interessant: Ich kann durch den Schrank hindurch fotografieren, aber auch mögliche Spiegelungen im Plexiglas nutzen, um Portraits zu erstellen, die sowohl die Umgebung indirekt einbeziehen als auch die fotografierten Personen noch ein Stück weit unbekannt bleiben lassen.

Ich hätte nicht gedacht, dass an diesem Montagmorgen überhaupt Büchertauschende vorbeikommen. Nach der Dame mit dem Pullover mit dem eulenartigen Fischmonster erschien eine ältere Dame in Pink. Sie schien den Schrank sehr akribisch zu durchsuchen. Ich hatte den Eindruck, dass sie etwas Bestimmtes suchte, und konnte von meiner Position aus erkennen, dass sie zwei „Was ist was?“-Bücher einpackte – eine Ausgabe davon mit dem Thema „Hunde“. Ihre Jackenfarbe ergänzte jedenfalls das Werbeplakat an der Seite des Schranks mit dem pinkfarbenen Schriftzug „Smile“. Ich musste innerlich grinsen.

In den nächsten beiden Begegnungen stellte ich mich als Fotograf vor, der eine Reportage über die Bücherschränke macht. Ich traf auf Karina, die in Kürze Hannover nach Braunschweig verlässt – und in ihrer Abschiedszeit noch Straßen und Ecken in Hannover aufsucht, um die Stadt für sich mitzunehmen. Außerdem begegnete ich einer Dame, die an einer Ecke am Jahnplatz wohnt und den Bücherschrank aufsucht, um ihre eigenen Büchermengen zu reduzieren. Zugleich nimmt sie Bücher für die Bücherkiste in der Praxis mit, in der sie arbeitet. Sie hatte an diesem Morgen zwei Bücher für sich selbst mitgenommen: „Das Kastanienhaus“ von Liz Tiernow und „Ein Mädchen, ein Traum: Solo um die Welt“ von Laura Dekker.


Die Stunde am Jahnplatz umfasste sechzig schnell vorübergehende Minuten: mit zwei kurzen, großartigen Begegnungen und einigen stimmungsvollen Fotos. Eine Stunde Fotografie pur!

 
 

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