Die sechzig Minutenreportage (Teil 1: Bücherturm Bissendorf/Wedemark)
- Wilhelm Heim
- vor 7 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 14 Stunden
Am letzten Mittwoch hatte ich zwischen zwei Terminen genau eine Stunde Zeit. Eine Stunde, die ich nicht effizient nutzen wollte — und in der ich nicht beabsichtigte, über meine aktuelle Lebenssituation zu grübeln.
Mir fiel ein Fotoformat von Fotografie-tut-gut ein, das ich schon lange einmal ausprobieren wollte: für eine Stunde an einen Ort fahren und diesen fotografisch erschließen. Was passiert mit mir in dieser Stunde an diesem Ort?
Den Ort, den ich für meine erste sechzig Minutenreportage ausgesucht hatte, bildete der Platz um den Bücherschrank in Bissendorf/Wedemark. Ich kannte den besonderen Bücherschrank bereits als den Design-Bücher-Turm der Les-Art-Initiatorinnen der Wedemark und hatte dort auch schon Fotos gemacht — aber eben nicht unter der Prämisse der Selbstbetrachtung. Die offenen Bücherschränke sind meist alte Bauernschränke oder ausgemusterte Telefonzellen; hier in Bissendorf war der Möbeldesigner Hans Horst am Werk. Als ich ankam, war der Platz leer, niemand zu sehen. Ein hässliches Handwerkerauto parkte neben dem Schrank — rot, Signalfarbe und wirklich unpraktisch für harmonische Fotos. Ich ärgerte mich. Bücherschränke haben mich schon immer fasziniert; fast nie konnte ich einen Schrank ohne Buch verlassen. Das Buch "Die Wut im Koffer" aus dem Bücherschrank bei der Friedenskirche in Hannover hat mein Leben verändert. Insofern hoffte ich auf eine wirklich gute Zeit am Design-Bücherturm in Bissendorf. Nachdem ich den Inhalt erkundet und worttechnisch interessante Buchtitel als Stichworte für künftige Gedichte in mein Notizbuch aufgenommen hatte, arbeitete ich mit der Kamera den atmosphärischen Raum aus. Ich hatte die alte Canon 5D eingepackt.
Außerdem wollte ich ein Leihobjektiv von meinem Freund Ben (Momente Deiner Geschichte) testen: das Sigma Art 50 mm 1.4. In den sechzig Minuten hatte ich eine kurze, aber wundervolle Begegnung mit zwei betagten, literarisch interessierten Damen (deren Ausbeute Rosamunde Pilcher war). Sie kämen regelmäßig zum Bücherschrank und gingen nie ohne ein neues Buch nach Hause; sie nähmen auch fast immer an den dort stattfindenden Buchvorstellungen teil. Ach ja — und natürlich kannten sie auch Vesbeck; dort findet ja immer das Mühlenfest statt. Wir unterhielten uns zwei Minuten, dann widmeten sie sich wieder ihrer Büchersuche, und ich konnte das wunderbar fotografisch festhalten.
Ich verweilte dort auch ein paar Minuten allein und warf einen ersten Blick in meine Fundstücke: Hermann Hesse (Roßhalde) und Patricia Highsmith (Der Stümper).
Auch wenn die Zeit knapp schien, wirkte sie irgendwie zugleich langsam. Im Hintergrund hämmerten die Handwerker, und das rote Auto bildete die Kulisse für ein Selbstporträt im Seitenspiegel. In meinem stressigen Alltag ist es wirklich schwer, mir sechzig Minuten (plus Fahrtzeit) für eine Ortserkundung zu nehmen.
Aber ich nehme mir vor, mir solche Auszeiten zu gönnen. Ich glaube, sie sind für mich sehr wichtig. In Bezug auf meinen derzeitigen depressiven Zustand kann ich sagen: In diesen sechzig Minuten bin ich etwas mehr bei mir angekommen — den Ärger am Anfang gespürt und die Ruhe am Ende wahrgenommen.
P.S. Lieber Ben, das Objektiv ist großartig. Vielen Dank!



















