top of page

Das Leben der Bücherschränke (Teil 4: Friedenskirche Hannover)

Ich war schon ein bisschen aufgeregt. Der Besuch des Bücherschranks an der Friedenskirche in Hannover ist für mich ein ganz besonderer Termin – und er begann denkbar unglücklich.


Ich hatte zwei Fotoapparate (Für die Interessierten: Fujifilm X-S10 mit einem 35mm Objektiv, Blende 1.8; Canon 5D plus 40mm, Blende 2.8)eingepackt. Doch als ich den ersten auf dem Weg zum Bücherschrank aus meinem Rucksack nahm, stellte ich fest, dass die Speicherkarte noch zu Hause im Computer steckte. Der zweite Fotoapparat war zwar einsatzbereit, hatte aber nur noch die halbe Akkuladung und ein sehr engwinkliges Objektiv. Das war bei den örtlichen Rahmenbedingungen – es war nämlich ausgerechnet Markttag – äußerst ungünstig. Aber gut, ich musste das Beste daraus machen.


Der Fotograf Steve McCurry beharrte zeitlebens darauf, dass es beim Fotografieren zwar durchaus auf die Ergebnisse ankomme, ihn aber besonders das Erlebnis beim Fotografieren fasziniere. Es blieb mir gar nichts anderes übrig, als es ihm gleichzutun: Genau mit dieser Einstellung stürzte ich mich in die Sechzig-Minuten-Reportage.


Markttreiben und Argusaugen

Der Schrank steht vor der 1927 errichteten Friedenskirche und dem Bibelgarten im Zooviertel. An Markttagen (dienstags der Wochenmarkt und samstags der Bauernmarkt) findet man ihn eingequetscht zwischen einem üppigen Obst- und Gemüsestand und einem weiteren Marktstand. Ich erinnere mich ehrlich gesagt kaum an Details des Nachbarstandes, weil ich das Gefühl hatte, dass mich die Standbetreiberin ständig mit Argusaugen verfolgte. Der Bücherschrank war zudem mit einem fahrbaren Palettenwagen zugestellt; ich konnte ihn kaum freistellen, immer stand etwas im Weg. Ich konnte mir in diesem Moment kaum vorstellen, dass heute wirklich Menschen den Bücherschrank aufsuchen würden.


Allerdings behielt ich Unrecht. Insgesamt fünf Personen (mich eingeschlossen) besuchten die kleine Bibliothek in dieser Stunde. Mir selbst fiel besonders eine Theodor-Fontane-Sammlung ins Auge. In der Schule bin ich mehr schlecht als recht durch die „Effi Briest“-Lektüre gekommen, ohne das Buch jemals ganz gelesen zu haben, und den „Schimmelreiter“ kenne ich auch nur aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen.


Begegnungen am Schrank

Die ausgewählte Lektüre der ersten Besucherin blieb mir unbekannt; die Enge der Szene ließ nur einen seitlichen Schnappschuss zu. Sie war schnell wieder weg und hatte den Blick in den Bücherschrank direkt mit dem Markteinkauf verbunden. Der zweite Besucher – ein radfahrender älterer Herr – nahm einen Ratgeber über Zimmerpflanzen mit; Belletristik schien nicht sein Interessengebiet zu sein.


Mit dem vierten Besucher kam ich schnell ins Gespräch: Es war Hartmut Brandt, ein bekannter Jazzmusiker und Künstler aus Hannover. Auch mit siebzig Jahren macht er während der Markttage Straßenmusik, um sich etwas dazuzuverdienen. Seine Lebens- und Alltagsgeschichten sind absolut hörenswert und haben selbst fast schon „Belletristik-Qualität“: Er beschreibt sich als „überakademisiert“ mit einem Studium der Freien Künste und der Sozialpädagogik, ist zudem ausgebildeter Mechaniker und erzählte amüsiert von einer neuen Mitbewohnerin in seiner WG. Diese würde sich, obwohl erst seit wenigen Tagen da, bereits aufspielen und in seine Tätigkeit als Hausmeister einmischen. Hartmut schien das jedoch gelassen zu nehmen – es seien schon viele Mitbewohner gekommen und gegangen, während er blieb.


Wir sprachen eine ganze Weile über Politik und die Vermögensverteilung in Deutschland. Zum Abschied gab er mir einen Flyer: Er spielt am nächsten Wochenende in Bissendorf auf einer Wahlveranstaltung zur Vorstellung der Bürgermeisterkandidatin Cornelia Blume. Ausgerechnet dort, wo ich am 20. Juni meine erste Fotoausstellung haben werde. Die Welt ist klein.


Während wir diskutierten, begleitete mich gedanklich die Frage, die mich aus meiner Komfortzone als Fotograf herausfordern sollte: Darf ich ein Porträt von dir machen? Als wir gerade auseinandergehen wollten, brachte ich die Frage endlich hervor. Für ihn war das kein Problem – im Gegenteil, er machte im Anschluss sogar noch ein Foto von mir. Mit der letzten Akkuladung meiner Kamera gelang mir genau ein Porträt von ihm – ein wirklich gelungenes Zielfoto dieser sechzig Minuten.


Persönliche Anmerkung

Eingangs deutete ich an, dass dieser Bücherschrank eine besondere Bedeutung für mich hat. Er befindet sich nämlich fußläufig von der Oberberg Tagesklinik entfernt, in der ich vor fast drei Jahren im Rahmen meiner Depression behandelt worden bin.


An diesem Bücherschrank habe ich als therapeutische Hausaufgabe das erste Mal ein Selbstporträt von mir gemacht. In diesem Bücherschrank habe ich damals das Buch „Die Wut im Koffer“ gefunden. Es veranlasste mich dazu, einen Brief an meine Eltern zu schreiben, in dem ich ihnen mit 47 Jahren zum ersten Mal gesagt habe, wie ich mich als Kind (und nun als Erwachsener) bei ihnen gefühlt habe. Der Brief trägt den Titel „Die Wut im Hals“ und war ein zentraler Wendepunkt im Umgang mit meiner Depression.


Auch wenn ich diesmal im Rahmen meiner Reportage kein wegweisendes Buch gefunden habe, so habe ich doch ein neues Selbstporträt gemacht. Neben dem Bücherschrank, inmitten der neugierigen Augen der „Zeitzeugen“.

 
 

© 2026 Wilhelm Heim. Erstellt mit with Wix.com.

bottom of page