Hinter dem Rahmen: Wenn Bilder und Worte die Seele berühren - ein Ausstellungsbericht
- Wilhelm Heim
- 26. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Die Stühle im Saal sind wieder gestapelt, der Ausstellungsraum im Bürgerhaus leer, die Stimmen verhallt, und in die anfängliche Aufregung der letzten Wochen mischt sich eine tiefe, fast greifbare Stille. Die soziale Batterie ist nach den intensiven Tagen vollkommen leer, aber mein Kopf und mein Herz sind voll. Die erste eigene Ausstellung liegt hinter mir. Ein erhebendes Gefühl – und gleichzeitig eines, das mich zutiefst aufgewühlt hat.
Rund 100 Menschen hatten den Weg zu uns ins Bürgerhaus in der Wedemark gefunden. Menschen, die nicht nur kamen, um Bilder anzuschauen, sondern um sich einzulassen. Auf eine Reise, die für mich, meine Frau und meine Therapeutin weit vor dem Tag der Eröffnung begann. Dass dieser Weg überhaupt so weit führen konnte, verdanken wir nämlich der unschätzbaren und feinfühligen Unterstützung unserer Therapeutin Frau Dr. Höcker. Ohne sie wäre dieses Projekt – das im Grunde ein tiefgehender, manchmal schmerzhafter, aber heilsamer Aufarbeitungsprozess im Rahmen meiner Depression und unserer gemeinsamen Therapie war – nicht denkbar gewesen.
Der Moment, in dem die Zeit stillstand
Es gibt Momente im Leben, auf die man sich rational vorbereiten kann, deren emotionale Wucht einen dann aber doch unvorbereitet trifft. Nach meiner Eröffnungsrede passierte etwas, das mich tief verunsicherte: Die Menschen standen auf. Alle. Sie applaudierten mir. Und in mir zog sich alles zusammen. Das fühlte sich sehr fremd an.
Gerade im Kontext meiner Depression fällt es mir unendlich schwer, Erfolg und echten Zuspruch an sich heranzulassen. So konnte ich auch in diesem Augenblick den Stolz kaum annehmen; stattdessen spürte ich eher ein tiefes Pflichtgefühl – die Verantwortung für die Emotionen, die sich im Raum breitgemacht hatten. Bisher habe ich es in meinem Leben kaum geschafft, auf etwas stolz zu sein. Meine eigene Leistung habe ich nie besonders hoch angesehen. Ich war einfach nur zufrieden und dankbar, ein Teil von Zwei im selben Rahmen sein zu dürfen.
Da waren Tränen. Nicht nur bei den Besuchern, die sich in den gezeigten Themen wiederfanden, sondern auch bei mir selbst. Es war eine zutiefst bewegende, von großer gegenseitiger Anteilnahme getragene Atmosphäre. In den anschließenden Stunden durfte ich Gespräche führen, die weit über das übliche Smalltalk-Niveau von Vernissagen hinausgingen. Es waren intime, ehrliche Begegnungen. Ich habe Menschen noch einmal von einer ganz anderen, verletzlichen Seite kennengelernt.
Ein Zettel und eine Erlaubnis
Doch die eigentliche Bewegung setzte erst ein, als der Trubel vorbei war. Zwei Tage später, nach einem langen, tiefen Gespräch mit meiner Frau, passierte etwas für mich Neues. Ich nahm einen völlig leeren Zettel und schrieb Worte darauf. Worte, die mir unendlich schwerfielen, die aber nun schwarz auf weiß dort stehen:
Ich darf stolz auf mich sein.
Es ist, als hätte sich durch diese Ausstellung und die Worte meiner Frau eine Tür geöffnet. Die Erkenntnis, dass ich nicht nur als Rädchen im Getriebe funktioniere, sondern etwas Eigenes, Wertvolles geschaffen habe, darf ich nun langsam annehmen.
Ein Blick zurück – und einer nach vorn
Besonders gefreut hat mich auch das fachliche Feedback, unter anderem von Sara Nina Strolo, einer Kunsttherapeutin aus Bevensen, die die professionelle Organisation und die durchdachte Präsentation lobte. Solche Worte geben mir etwas, wenn man sich mit seiner eigenen Arbeit so weit nach außen wagt.
Jetzt, wo ich mich erst einmal in die Ruhe zurückziehe, um die leeren Speicher wieder aufzuladen, merke ich bereits, wie im Hintergrund die Gedanken weiterwandern. Der Geist ruht nicht. Die Lust auf mehr ist geweckt, und die nächsten, ganz anderen Projekte werfen im Kopf bereits ihre ersten, leisen Schatten voraus: Die Ausstellung hat mir gezeigt, dass Selbstporträts durchaus dazu geeignet sind, subjektive Depressionserfahrungen für andere zu objektivieren.
Danke an jeden Einzelnen, der da war, mitgefühlt und diesen Raum mit uns geteilt hat.
Besonders auch ein großes Danke an Christian Veenker, der die Veranstaltung für uns fotografiert hat.




















