Please Move Along! Ein Brief an Florian Renz

Lieber Florian,
ich habe dein Zine „Please Move Along! Morocco“ nun einige Tage bei mir gehabt. Es hat mich auf dem Weg in öffentlichen Verkehrsmitteln begleitet aber auch – was ich besonders fand – es lag bei mir als Lesestoff auf dem Hundeplatz. Also echter Straßenfotografielese- und Anschaustoff!
Das Zine ist für mich haptisch ein Genuss. Das A5-Format, die Fadenheftung, das 150g Papier – all das vermittelt eine Wärme und angenehme Wertigkeit. Es lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen, die Seiten umzublättern und sich in die 40 Aufnahmen zu vertiefen. Und zwar immer wieder neu.
Du schreibst, dass du eine „Distanz zum Land“ gespürt hast, die sich nicht auflösen ließ. Wenn ich deine Aufnahmen betrachte, bin ich mir nicht sicher, ob ich dem ganz zustimmen kann. Ja, die Gesichter in deinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind ernst, fast schroff, und Humor scheint in der Tat kaum durch. Aber sind sie wirklich distanziert? Ich habe bei vielen Bildern das Gefühl, dass du eben *nicht* nur Beobachter warst. Die Blicke, die direkt in deine Kamera führen, zeugen von einer Präsenz, die weit über das bloße „Vorbeigehen“ hinausgeht. Vielleicht ist es keine Distanz, Florian, sondern eine Form von Respekt, die das Land dir abverlangt hat.
Besonders aufgefallen ist mir die Geschlechterverteilung in deinem Zine – auf nur sieben der 40 Fotos sind Frauen zu sehen. Ein spannendes Abbild dessen, was sich im öffentlichen Raum Marokkos abspielen könnte. Ich selbst war noch nie in Marokko und kann dies nicht beurteilen.
Zwei Bilder haben sich bei mir besonders eingebrannt: Da ist zum einen dieses Szenario mit den beiden Männern, die rauchend auf ihren Stühlen sitzen. Ihr skeptischer Blick weg von der Kamera, im Hintergrund die Stofftaschen, die Geldscheine, die marokkanischen Politiker – und dann dieser bizarre, wunderbare Bruch: der Kunstdruck von Van Gogh und das Joker-Motiv. Das ist ein Foto, das so viele Geschichten gleichzeitig erzählt, dass ich mich kaum daran sattsehen kann. Und dann das Bild des Mannes, der es sich rauchend in seinem kleinen Lastenanhänger gemütlich gemacht hat. Eine Doppelseite, die in ihrer Ruhe einen starken Kontrast zum eher bewegenden Titel „Please Move Along!“ bildet.
Dein Zine ist ein wichtiges Dokument einer Reise, die vielleicht nicht so verlief, wie du es dir ausgemalt hast, aber genau deshalb ist es so ehrlich geworden. Es ist kein Hochglanz-Reisebericht, sondern ein fotografisches Protokoll einer Suche.
Danke für diesen Einblick. Er regt mich an, auch bei meinen eigenen Reportagen noch genauer darauf zu achten, was das „Nicht-Ankommen“ eigentlich über einen Ort verrät.
Herzliche Grüße, Wilhelm


