Wippendes Licht und der eigene Schatten

Eine einstündige Zugverspätung in Hannover (ich bin nämlich unterwegs nach Magdeburg) lässt sich definitiv schlechter überbrücken als mit dem frischen Blick auf ein Foto von letzten Montag. Es geht um einen Moment um halb sechs auf der Hunderunde. Er hat für mich eine ganz eigene, fast schwebende Qualität - aber auch irgendwie etwas Entblößendes.
Wenn die Autos aus Richtung Warmeloh heranrollen, verwandeln sie die Esperkerstraße in eine kleine Zerreißprobe für Stoßdämpfer. Weil der Asphalt einer Huckelpiste gleicht, tanzen und wippen die Lichtkegel der Scheinwerfer über das alte Scheunentor unserer Nachbarn. Das ist kein statisches Licht, sondern ein lebendiger, unruhiger Puls.
Genau das wurde für mich an diesem Morgen zur fotografischen Herausforderung: Nur wer im exakten Bruchteil einer Sekunde abdrückt, fängt den Moment ein, in dem der eigene Schatten scharf und plastisch auf das Holz geworfen wird. Ein spielerischer Pakt mit dem Zufall und dem Timing.
Entstanden ist dieses mystische Selbstporträt mit meiner Immerdabei-Kamera – der Ricoh GR IV. Die technischen Bedingungen verlangten dem kleinen Sensor einiges ab: ISO 12800, Blende 3.5 und eine Belichtungszeit von 1/60s. (Alles kein Problem!) Die anschließende Verwandlung in Schwarzweiß auf dem Smartphone (App: Snapseed) hat diese kühle, fast schattenhafte Stille des Morgens perfekt eingefangen.
Manchmal braucht es gar keinen weiten Weg für ein starkes Bild. Man muss nur zur rechten Zeit mit dem Hund unterwegs sein und auf das wippende Licht der Straße warten.


