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Sechzig Minuten Reportage Teil 7: Die Zeitkapsel in der Hauptstraße: Eine Stunde Großburgwedel

Dieser Bücherschrank ist eine jener vertrauten, gelben Telefonzellen, die man hier an der Hauptstraße fast wie ein stummes Denkmal passiert. Die postgelbe Bücherbox steht vor dem Druckshop „Print effect“ – im Mitteldorf, eine Adresse, die seit etwa 15 Jahren für Literatur im öffentlichen Raum steht, aufgestellt von der Inhaberin des Shops Edda Wilkening, wie mir ihr Vater im Gespräch verriet.


Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Das Leben pulsiert gegenüber: Die Grundschule hat Ferien, das Modegeschäft und der Friseur sind in Betrieb, und aus dem Zigarrengeschäft „Riemanns“ weht jene Aura von Fachkenntnis und Gelassenheit herüber, die man heute selten findet. Doch der Schrank selbst? Er wirkt seltsam isoliert in dieser Szenerie. In 60 Minuten Aufenthalt hielt nur ein einziger schwarzer Opel Astra. Eine Frau in Schwarz stieg aus, warf einen flüchtigen Blick hinein und brauste ebenso schnell wieder davon – ohne Beute.



Dabei lohnt sich der Blick. Zwischen der gängigen Unterhaltungsliteratur findet sich Überraschendes: Auffällig viel englischsprachige Literatur liegt in den Regalen, und mein Blick bleibt an einem alten Bekannten hängen: "Master and Commander" (verfilmt mit Russell Crowe). Es ist ein Seefahrerroman, der mich durch meine eigene Studentenzeit begleitet hat – eine unerwartete emotionale Ankerstelle mitten im dörflichen Treiben.


Das wahre Leben ereignete sich in dieser Stunde jedoch nicht im Schrank, sondern in den Nuancen um ihn herum. Da war der ältere Herr mit Strohhut, Messer und Eimer, der sich mühsam um das Fallrohr der Dachrinne kümmerte. Er erzählte von den Anfängen, als die Familie vor 25 Jahren das Grundstück einer ehemaligen Gärtnerei erwarb – mitten in Burgwedel, wo damals noch 7.000 Quadratmeter Land unbebaut auf ihre Zukunft warteten.


Er sprach auch über die Schattenseiten des Bücherschenkens. Drei Helfer unterstützen das Projekt, doch der „Überschuss“ ist oft eine Bürde. Manche Menschen nutzen die Box zur Entsorgung, und mancher Inhalt muss mit Handschuhen aus den Regalen befördert werden.


Während ich das Treiben beobachtete – die Spiegelungen im Glas, die flüchtigen Momente der Passanten und einen jungen Radfahrer, dessen Modell mich fast wehmütig an das neulich bei eBay Kleinanzeigen verkauftes Rad meiner Frau erinnerte – wurde mir klar: Dieser Schrank ist kein statisches Objekt. Er ist ein Seismograph für das, was Menschen loswerden wollen, und das, was sie im Vorbeifahren suchen. Ein stiller Zeuge von 15 Jahren Hauptstraßengeschichte, in dem die großen Weltmeere eines Romans auf den Alltag einer Dachrinne treffen.


Die fotografische Begleitung: Canon 1 Ds Mark III mit einem 85mm 1.8 Objektiv und meine kleine Fujifilm XS-10 mit einem 28mm Pancakeobjekt (Blende 2.8 von TTArtisan).

 
 

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