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Sechzig Minuten Reportage Teil 8: "Entschuldigen Sie, dass ich Sie beim Fotografieren gestört habe" (Schleswiger Viertel)

Es sind die kleinen Abstecher am Rande des Alltags, die oft die intensivsten Geschichten bereithalten. Während meine Frau kürzlich am Vahrenwalderplatz einen Termin hatte, nutzte ich die Zeit für eine weitere Station meiner kleinen Reihe und fuhr zum öffentlichen Bücherschrank im Schleswiger Viertel – genauer gesagt an der Ecke Apenrader und Flensburger Straße.


Dieser Schrank gehört zu den jüngeren seiner Art in Hannover: Es ist der mittlerweile 47. seiner Art in der Stadt, der erst im Jahr 2022 seiner Nutzung übergeben wurde. Das Viertel selbst hat eine ganz eigene soziale Dynamik. Es zeichnet sich durch ein bemerkenswertes Engagement der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aus und verfügt sogar über einen eigenen Quartiershausmeister.


Direkt in der Nähe des Bücherschranks lädt ein Kinderspielplatz zum Verweilen ein, und während meines Aufenthalts passierten vor allem ältere Menschen – einige von ihnen auf den Rollator gestützt – den Standort. Doch der Schrank schien sie an diesem Tag kaum zu berühren; sie ignorierten ihn fast so, als stünde dort ein stummes Lesemahnmal aus einer anderen Welt.


In einen standardisierten Schrank passen für gewöhnlich etwa 300 Bücher, doch an diesem Tag war das Regal im Schleswiger Viertel nur zu etwa zwei Dritteln gefüllt. Das Angebot bot dabei einen bunten Querschnitt: Neben klassischer Unterhaltungs- und Fachliteratur fanden sich auch fremdsprachige Bücher in polnischer, griechischer und englischer Sprache.


Die Begegnung am Schrank


Lange blieb der Schrank unberührt, bis auf einen einzigen Besucher, der diese Stille auf faszinierende Weise durchbrach. Ein junger Mann mit einem grauweißtarnfarbendem Hoddie näherte sich – eine jener "Gestalten", die sofort Neugier wecken: etwas wunderlich, distanziert und eigensinnig wirkend, zugleich aber von einer entwaffnenden, freundlichen zugewandten Art. Noch bevor ich recht wusste, wie das Gespräch beginnen sollte, sprach er mich direkt an: Ob ich fotografiere und wie ich eigentlich dazu komme?


Ich erklärte ihm mein Anliegen der Bücherschrankreportage in einem kurzen, offenen Dialog und fragte schließlich, ob er eine Visitenkarte von mir haben möchte. Seine Reaktion war vielschichtig: Er wirkte merkwürdig verunsichert, fast menschenscheu, wich jedem Augenkontakt aus – und bejahte dennoch mit warmer Stimme.



Fachbücher, Medizin und eine überraschende App


Auf dem Regal hatte er kurz zuvor ein Buch zurückgestellt, das tief blicken ließ: einen Wälzer zur klinischen und angewandten Bilddiagnostik. Mein Gedanke, er könnte Medizin studieren, lag nah. Auf meine Nachfrage hin bestätigte er dies knapp mit den Worten: „Das könne man so sagen.“ Ob er regelmäßig komme und was er sonst so lese? Ja, er gehe hier regelmäßig her, und er lese sowohl Fachbücher als auch Belletristik, so seine Antwort, vorgetragen in einem warmen, aber fast monotonen Tonfall.


Dann folgte ein Moment, der mich völlig verblüffte: Er startete von sich aus einen eigenen Gesprächsvorstoß und fragte mich: „Kennen Sie denn nicht die Bücherschrank-App?“


Nein, das musste ich verneinen. Prompt zückte er sein Smartphone und zeigte sie mir. Die Rollen hatten sich für einen kurzen Augenblick charmant vertauscht. Als ich ihn fragte, ob ich seine Hände beim Blättern in einem Buch fotografieren dürfe, stimmte er zu – unter der Bedingung, dass er selbst auf dem Bild nicht erkennbar ist. Ich setzte den Wunsch um und zeigte ihm zur absoluten Sicherheit das Display, bevor wir fortfuhren.


Das feine Ende eines kurzen Treffens


Da ich spürte, dass meine Anwesenheit seinen eigentlichen Rhythmus störte, trat ich ein paar Schritte zurück. Ich beobachtete aus der Distanz, wie er akribisch und konzentriert den Schrank durchsuchte, bis er schließlich seinen Rucksack schloss.


Als ich an ihm vorbeiging, geschah etwas Unerwartetes: Wie aus dem Nichts heraus entschuldigte er sich bei mir dafür, dass er mich offenbar beim Fotografieren gestört habe. Ich war im ersten Moment völlig verblüfft und entgegnete: „Nein, ganz im Gegenteil, ich freue mich immer, wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme.“


In diesem Augenblick wich die Anspannung völlig aus seinem Gesicht. Mit einem sehr entspannten, gelösten Ausdruck antwortete er: „Ich fand es auch sehr freundlich und wünsche Ihnen einen schönen Tag.“


Ich habe mich nicht getraut, den jungen Mann nach seinem Namen zu fragen; ich hatte das Gefühl, ihm damit zu nahe zu treten und eine Grenze zu überschreiten. Als er gegangen war und ich noch ein paar Minuten allein am Schrank verweilte, um die Begegnung wirken zu lassen, fiel mein Blick auf ein Buch im Regal, das wie eine poetische Klammer wirkte: Es trug den Titel „Der Außenseiter“.

 
 

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