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Warum die Streetfotografie so wichtig für mich ist!

Manchmal wartet das Motiv nicht auf die große Inszenierung – es liegt einfach zu Füßen.

Letzten Dienstag, auf dem Weg zum Lyrikkreis im AutorInnenzentrum in der Deisterstraße in Hannover, war es genau so ein Moment. Ich hatte meine Nikon Coolpix P7000 für alle Fälle dabei, rechnete aber eigentlich mit einem klassischen Abend unter den Lyrikern. Doch als ich mein Auto parkte und ausstieg, blieb mein Blick an einer recht großen Pfütze auf dem angrenzenden Radweg hängen: Ein Eckhaus auf der Deisterstraße spiegelte sich darin – so klar, so präzise, dass die Welt gewissermaßen Kopf stand.


Ohne zu zögern, griff ich zur Kamera. In den 300 Metern zwischen Parkplatz und AutorInnenzentrum verwandelten sich die 15 Minuten Fußweg in einen kleinen Selbstauftrag: Da ich wusste, dass der Sensor meiner Kamera bei dem schwindenden Licht an seine Grenzen stoßen würde, traf ich eine bewusste Entscheidung: Es wird eine Schwarz-Weiß-Serie, Format hochkant.


Henri Cartier-Bresson, einer der Pioniere der Streetfotografie, sagte einmal: „Fotografieren heißt, den Kopf, das Auge und das Herz auf eine Linie zu bringen.“ In jenen 15 Minuten in der Deisterstraße passierte genau das: Die Welt im Sucher wurde für einen Moment zum Spiegel meiner eigenen Wahrnehmung.


Die Streetfotografie ist für mich die hohe Kunst der Fotografie, gerade weil sie sich der vollständigen Kontrolle entzieht. Ein Foto auf der Straße lässt sich nur bedingt inszenieren; man muss auf das Leben reagieren, nicht es nicht steuern.So beschrieb es auch der berühmte Streetfotograf Joel Meyerowitz: „Street photography is a way of saying yes to the world.“ Und genau dieses „Ja“ zur Unvorhersehbarkeit der Straße ist es, was mich so fasziniert.

Für mich erfüllt sie drei wichtige Funktionen:


  • Sie zwingt mich, meine städtische Umwelt nicht nur zu konsumieren, sondern sie wahrzunehmen. Jede Pfütze, jeder Schattenwurf, jede flüchtige Bewegung wird plötzlich bedeutungsvoll.

  • Oft sind diese kurzen, eingefangenen Szenen der Anlass für meine Gedichte. Sie sind Einblicke in fremde Leben, kurze Ausflüge in eine Existenz, die ich sonst nie wahrgenommen hätte. Sie liefern die Bilder, aus denen ich dann Worte forme.

  • Während meine Landschaftsaufnahmen oft eine Form von Ruhe und Beständigkeit suchen, ist die Straße lebendig, rau und im ständigen Wandel. Dieser Kontrast hält meinen fotografischen Blick wach.


Die Welt z.B. in einer Pfütze zu sehen, heißt auch, den Blick für das Besondere im Alltäglichen zu schärfen. Oft reicht ein kurzer Umweg, eine kleine Aufmerksamkeit, um eine Geschichte zu entdecken, die nur darauf wartet, erzählt zu werden – sei es durch den Auslöser oder durch eine Zeile Lyrik.

Doch was genau ist diese Disziplin eigentlich, die mich so in ihren Bann zieht? Auh wenn es schwer ist, sie in eine starre Definition zu zwängen, lässt sich Streetfotografie für mich als das ungestellte, aufmerksame Beobachten und Festhalten des öffentlichen Lebens definieren. Es ist der Versuch, die flüchtigen Momente der menschlichen Existenz in ihrem natürlichen, urbanen Umfeld einzufangen – authentisch, ohne Regieanweisungen und oft mit einer gehörigen Portion Zufall - auch wenn man den Zufall durch aufmerksames Beobachten oftmals vorhersehen kann, das weiß fast jeder Streetfotograf.

Streetfotografie ist für mich eine Genre, das weniger auf eine Methode baut, sondern vielmehr auf eine Haltung: Ein Einverständnis mit dem Moment, wie er sich gerade darbietet.


Eigentlich sollte der Artikel an diese Stelle zu Ende sein. Aber als ich ihn mit meiner Frau in den Grundzügen besprochen hatte, fragte sie mich, ob mich die Streetfotografie auch selbstbewusster gemacht hat. Und ja, das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Ich habe in den Anfängen meiner Straßenaufnahmen sehr unsicher agiert, auch was die Brennweite (möglichst groß) betrifft, so fand ich z.B. den Streetfotografen Thomas Leuthard (https://thomasleuthard.com)unglaublich faszinierend, der mit seiner Kamera durch die Straßen lief und den Menschen einfach ins Gesicht fotografiert hat. Wenn man sich mit einer sichtbaren Kamera auf der Straße bewegt, muss man tatsächlich schnell sein (Flucht) oder auf fragende Blicke vorbereitet sein oder auch immer eine Erklärung parat haben. Diese Art der Sichtbarkeit benötigt Selbstbewusstsein (dies kommt mit viel Übung). Diese Art der Sichtbarkeit eröffnet mir aber auch großartige Begegnungen, das spüre ich insbesondere auch in meinen Reportagen über die offenen Bücherschränke.

 
 

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