Wenn Bilder Sprache lebendig machen: Ein Nachmittag in der Schreibwerkstatt mit Fotografien von «Coexist» (Franziska Stünkel)
- Wilhelm Heim
- 3. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Manchmal kreuzen sich kreative Wege auf eine Weise, die lange nachwirkt. Gestern hatte ich das Vergnügen, an einer besonderen Kooperation zwischen dem Autor:innenzentrum Hannover und der Galerie Drees teilzunehmen: Einer Schreibwerkstatt zur Ausstellung «Coexist». Es war ein Nachmittag, an dem visuelle Kunst und geschriebenes Wort eine faszinierende Verbindung eingingen.

Vielschichtigkeit der Spiegelung: Franziska Stünkel in der Galerie Drees
Der Nachmittag begann mit einer kurzen Begrüßungsrunde durch die Autorin Katia Tangian und die Galeristin Frau Drees. Danach führte uns die Künstlerin, Filmregisseurin und Drehbuchautorin Franziska Stünkel persönlich eine Stunde lang durch ihre beeindruckende Ausstellung.
Seit mittlerweile 17 Jahren fängt Stünkel ihre Motive ausschließlich mit einer Leica (derzeit digital M11) ein. Ihr Fokus liegt dabei weltweit auf Schaufensterspiegelungen – in der Galerie Drees sind aktuell Arbeiten u.a. aus Belfast, Mailand, Mexiko und Florenz zu sehen. Eine vielschichtige Streetfotografie mit enorm vielen Ebenen, die hinter Glas präsentiert wird.
Besonders faszinierend war ein dynamischer Nebeneffekt vor Ort: Der physische Ausstellungsraum der Galerie und wir als Schreibende spiegelten uns beim Betrachten ebenfalls in den Werken. So entstand in Echtzeit eine ganz neue, unvorhersehbare Ebene der Koexistenz zwischen Kunstwerk und Betrachter.

Vom Impuls zum Text: Sprache lebt
Nach der informativen Führung und zwei vorbereitenden Schreibübungen in der rund zehnköpfigen Gruppe ging es an das Kernstück der Werkstatt: Jede(r) Teilnehmende wählte ein Foto nach eigenem Gusto aus, um dazu einen Text in freier Form zu verfassen.
Mich zog es immer wieder zu einer ganz bestimmten Fotografie aus Italien. Die vielschichtige, fast melancholische Stimmung des betreffenden Bildes hat in mir sofort eine akustische und emotionale Spur hinterlassen. Aus den visuellen Überlagerungen der Schaufensterscheibe entstand schließlich dieses Gedicht:
ein sommer in mailand
das jammern der gitarrensaiten
tönend und tänzelnd im fremden rhythmus.
mit spitzen absätzen zersticht es die stille
tief unter ihrer haut
festgebissen in erinnerungen
ihr weltenschmerz
zuckender blick ins nichts
stehen bleiben. trotzdem
an jedem tag. einmal
an dieser ecke. immer
behutsam aufgehoben
ein anderes paket
keines geöffnet
der straßenlärm verliert seinen schrecken
versteckt hinter ockergelben fassaden
bricht für sekunden ihre verschlossenheit
endlich das kühlschrankgeflüster
Ein facettenreiches Finale
Zum Abschluss des Nachmittags kamen wir zusammen, um die entstandenen Texte vorzutragen. Was als kleine, feine Lesung begann, entpuppte sich als ein unglaubliches Feuerwerk an Facetten. Jeder Mensch brachte ganz eigene Inhalte, Perspektiven und Formulierungen ein.
Diese einzigartigen Kombinationen aus Fotografie und Text haben einmal mehr bewiesen: Sprache lebt. Es war eine rundum gelungene Werkstatt, die mir unheimlich viel Spaß gemacht hat und zeigt, wie produktiv der Dialog zwischen den Künsten sein kann. Ich fand es einfach toll!!!


